Thema des Monats

Meine Mutter wird dement – und nun?

Stimmen eines pflegenden Angehörigen

Er ist Angestellter in der Verwaltung, er fährt in den Urlaub, er trifft sich mit Freunden, er ist freundlich und bedacht und er ist pflegender Angehöriger. Im weiteren Sinne. Er hat seine Mutter nicht gepflegt, hat sie nicht gewaschen, versorgt und war Tag und Nacht bei ihr. Er hat sich um seine Mutter gekümmert, als sie älter geworden ist. Er hat sich um seine Mutter gekümmert als sie dement geworden ist. Er hat seine Mutter aus ihrem Zuhause in eine Pflegeeinrichtung begleitet, er hat alles organisiert, ihn haben die Fragen und Sorgen geplagt, die Unsicherheit umgeben. Mit bestem Gewissen hat er sich allen Herausforderungen gestellt, aber war das immer richtig?

Im Nachhinein ist es immer leicht zusagen, das hätte man sehen müssen, da hätte man reagieren müssen. Aber machen wir uns nichts vor, verschiedene Faktoren halten uns davon ab. Kennen wir sie nicht alle? Unsicherheit, Angst, wir versuchen zu verdrängen, wegzuschieben, wir wünschen uns Aufschub, mehr Zeit. Aber der größte Freund ist die Hoffnung. Die Hoffnung, dass die Mutter noch gar nicht so alt ist, dass ein bisschen Vergesslichkeit nicht gleich Demenz bedeutet, das Eingeständnis, dass die Mutter nicht unverwundbar ist, fällt schwer. Man will ja auch nicht gleich den Teufel an die Wand malen.

Wie hat alles angefangen?

Meine Mutter und ich hatten immer ein enges Verhältnis. Sie hat mich alleine großgezogen. Wir haben Zeit miteinander verbracht, waren uns einig und uneinig, sind auf Distanz gegangen und waren immer füreinander da. Wir haben das Thema Alter, Pflege und Krankheit einfach ausgeblendet. Wie es immer so ist, gibt es ja nie einen richtigen Zeitpunkt und manchmal möchte man sich ja auch nicht mit Themen auseinandersetzen. Außerdem war doch alles gut.

„Wir spielen kein Kniffel mehr“. „Ich kann nicht anschreiben und mache immer Fehler dabei.“ Meine Mutter und meine Tante waren leidenschaftliche Kniffelspielerinnen. Es hätte mir zu denken geben können, hat es aber nicht. Ich nahm es so hin. Sie nahm es ja auch so hin.

Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 82 Jahre und die nächsten Jahre sollte uns die Demenz begleiten.

Wie haben Sie die Demenz bei Ihrer Mutter erlebt?

Meine Mutter wurde so, wie jeder andere, älter, sie vertüddelte Sachen, sie erinnerte nicht mehr alles, sie wirkte manchmal fahrig. Aber wo fängt man an und wo ist der Punkt? Wir wussten es nicht und übten uns in Verdrängung, Hoffnung und Angst. Eines Tages sagte sie zu mir „Ich glaube, ich bin dement.“ Wir schwiegen und sie sagte nie mehr etwas in die Richtung. Irgendwann begann es, sie fing an, nachts ihre Wohnung zu verlassen. Die Nachbarn erzählten es mir. Sie ging nach wie vor eigenständig einkaufen. Ich war mir nicht sicher, ob das noch eine gute Idee war. Ich war unschlüssig. Aber wann ist der Zeitpunkt, an dem man anfängt über jemand anderen zu bestimmen? Selbstbestimmtheit war ein großes Thema zwischen uns. Sie war alleinerziehend und hat ihre Schwester über all die Jahre unterstützt. Sie war robust und wusste sich selbst zu helfen. Das hatte sie immer getan und das musste sie immer tun. Wer war also ich, ihr das zu versagen? Und wollte ich das überhaupt?

An welchem Punkt haben Sie sich externe Hilfe geholt?

Meine Mutter stand auf dem Balkon und hat um Hilfe gerufen. Die Nachbarn haben die Polizei gerufen und sie wurde in die Geriatrie des Albertinen-Krankenhauses eingeliefert. Ich wusste, dass es jetzt eine Entscheidung geben musste. Aber ich schwankte zwischen Hoffnung, Angst und Unwissenheit. Was sollte da überhaupt auf mich zu kommen? Was passierte mit meiner Mutter?

Eine Sozialarbeiterin des Krankenhauses beriet mich zu jener Zeit. Sehr unverblümt gab sie mir zu verstehen, dass sie es fahrlässig fand, dass ich und meine Mutter so lange gewartet haben und nicht vorbereitet waren. Aber worauf sollte man sich vorbereiten? Wann war der Zeitpunkt, um sie aus ihren vier Wänden, in denen sie über 40 Jahre gelebt hatte, zu reißen? Wann war der Zeitpunkt, um einen Platz im Pflegeheim zu suchen? Wann war der Zeitpunkt, an dem man Entscheidungen über sie trifft und nicht mehr mit ihr? Ich hatte ihn versäumt, aber es war mir auch gar nicht bewusst. Ich fühlte mich hilflos, überfordert und mit Vorwürfen überschüttet. Mein Hauptanliegen war seit jeher, dass es meiner Mutter gut geht.  Wo war also mein Fehler? Und natürlich wünschte ich mir, dass sich nichts änderte und unser Leben genau so weiterlaufen würde. Aber war das verwerflich?

Wie kam ihre Mutter in eine Pflegeeinrichtung?

Sie kam direkt aus dem Krankenhaus in die Kurzzeitpflege und hier hatten wir das Glück, dass sie auch bleiben konnte. Die Sozialarbeiterin aus dem Krankenhaus hatte sich hierum bemüht und sich für uns eingesetzt. Das war eine sehr glückliche Fügung für uns. Als ich die Einrichtung das erste Mal betrat, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass das nichts für meine Mutter sei. Die Menschen blickten mich mit leeren Augen an, sie schrien. Das war eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Die ersten sechs Wochen waren schlimm für meine Mutter. Man wollte ihr alles abnehmen, sie auf die Toilette begleiten, sie waschen und ihr Essen anreichen. Meine Mutter fragte mich bei meinen Besuchen „Was wollen die von mir?“. Wir gewöhnten uns beide daran und es war in Ordnung so wie es war.

Welche Anforderung ist Ihnen bei der Betreuung sehr nah gegangen?

Meine Mutter wurde älter und gebrechlicher und meine Mutter wurde dement. Aber wie schnell die Krankheit voranschreitet und wie sie sich zeigt, dass verrät einem niemand. Sie glitt mir zu schnell aus der Hand. Wir dachten, wir hätten noch mehr Zeit. In der Pflegeeinrichtung konnte man schnell sehen, wie ihre kognitiven Fähigkeiten immer mehr abbauten. Ganz im Gegensatz zu ihrem Wortschatz. Das ist mir aufgefallen und hat mich überrascht. Aber circa vier Monate vor ihrem Ende begann es dann, dass auch ihre Sprache nachließ. Sie konnte sich nicht mehr artikulieren, es war schwer sie zu verstehen. Sie sagte zwar meinen Namen, aber es klang eher wie eine Hülle. Welchen Bezug hatte sie noch zur Realität? Verknüpft sie meinen Namen auch noch mit mir oder ist es einfach nur noch ein Name und bin das nicht mehr ich? Eines Tages sah sie mich an und fragte „Du bist mein Sohn, ich bin deine Mutter, aber was bedeutet das eigentlich?“ Da wusste ich, sie war mir englitten. An Silvester 2017 stürzte sie und fiel auf ihr Gesicht. Es wurde blau und schwoll an und ich dachte, jetzt sieht sie so aus, wie sie sich innerlich wahrscheinlich fühlt, verletzt und verwunden.